Vertrauen · Affären · Paartherapie
Eine Affäre verarbeiten: Warum Vertrauen zerbricht und was einen Neuanfang möglich macht
Von Gözde Dundar · Paartherapie Dundar, BaselVeröffentlicht am 11. Oktober 2026
Nach einer Affäre steht häufig eine Frage im Raum, die weit über das Geschehene hinausgeht: „War ich dir nicht genug?“
Mich beschäftigt diese Frage in meiner Arbeit mit Paaren besonders. Denn sie zeigt, wie sehr ein Vertrauensbruch auch das Vertrauen in den eigenen Wert erschüttern kann. Die betrogene Person sucht nach einer Erklärung – und beginnt dabei manchmal, sich selbst infrage zu stellen.
In meinen Gesprächen mit Paaren beobachte ich unterschiedliche Hintergründe von Untreue. Bei manchen war die Beziehung schon lange von emotionaler Distanz geprägt. Bei anderen spielt eine wiederkehrende Suche nach Aufmerksamkeit und Bestätigung eine größere Rolle, obwohl Liebe und Verbundenheit vorhanden sind.
Diese Unterschiede zu verstehen, ist mir wichtig. Sie können helfen zu erkennen, welche Veränderungen ein Neuanfang braucht. Dabei bleibt eine Grenze klar: Eine Erklärung für eine Affäre ist keine Entschuldigung.
Wenn sich ein Paar emotional voneinander entfernt hat
Manche Paare teilen noch einen Alltag, aber kaum noch ihr inneres Erleben. Sie organisieren Termine, kümmern sich um Verpflichtungen und funktionieren miteinander. Was fehlt, sind Gespräche darüber, wie es ihnen wirklich geht. Zärtlichkeit, Interesse und gegenseitige Wertschätzung werden seltener.
In solchen Beziehungen kann eine Affäre sichtbar machen, wie weit die beiden Menschen bereits voneinander entfernt waren.
Ich beobachte, dass die gemeinsame Erkenntnis über diese Distanz manchmal einen Zugang zur Versöhnung eröffnet. Beide können benennen, was ihnen gefehlt hat und was sie künftig anders gestalten möchten. Es entsteht eine Vorstellung davon, woran sie gemeinsam arbeiten können.
Das bedeutet weder, dass beide gleichermaßen zu dieser Distanz beigetragen haben, noch dass die betrogene Person für die Affäre verantwortlich ist. Die Beziehungsgeschichte darf betrachtet werden. Die Verantwortung für Täuschung und Untreue bleibt bei der Person, die diese Entscheidungen getroffen hat.
Wenn die Aufmerksamkeit anderer immer wieder gebraucht wird
Eine andere Dynamik begegnet mir bei Menschen, die ihren Partner lieben und dennoch wiederholt außerhalb der Beziehung nach Bestätigung suchen.
Die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen kann ihnen kurzfristig vermitteln: Ich bin attraktiv. Ich werde gesehen. Ich bin wichtig.
Doch dieses Gefühl hält manchmal nur kurz an. Sobald die Bestätigung nachlässt, kehren Unsicherheit oder Selbstzweifel zurück. Dann wird erneut nach dem Gefühl gesucht, begehrt zu werden.
Aus einer bindungsorientierten Perspektive können dabei frühere Beziehungserfahrungen eine Rolle spielen. Wer wenig verlässliche Zuwendung erlebt hat, kann Schwierigkeiten haben, die Liebe eines Partners als dauerhaft sicher zu empfinden. Geliebt zu werden und sich innerlich als liebenswert zu erleben, sind nicht immer dasselbe.
Das ist eine mögliche Erklärung, keine Diagnose. Unsichere Bindung führt nicht zwangsläufig zu Untreue. Auch ist wiederkehrende Bestätigungssuche nicht automatisch eine Sucht. Die Hintergründe müssen für jeden Menschen einzeln verstanden werden. [1]
Beide beschriebenen Dynamiken können sich überschneiden. Sie sind auch nicht die einzigen möglichen Hintergründe einer Affäre.
Warum die Affäre keine Aussage über Ihren Wert ist
Für die betrogene Person ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Häufig entstehen Fragen wie: „Hätte ich attraktiver sein müssen? Mehr Nähe anbieten? Mehr Verständnis zeigen?“
Wenn die Suche nach Bestätigung wesentlich mit den inneren Unsicherheiten des anderen zusammenhängt, lässt sich dieses Muster nicht dadurch lösen, dass Sie noch mehr geben.
Sie können einen Menschen lieben. Sie können ihm Zuwendung schenken. Sie können aber nicht allein dafür sorgen, dass er sich dauerhaft sicher und wertvoll fühlt oder vereinbarte Grenzen einhält.
Dass jemand Ihr Vertrauen verletzt hat, beweist nicht, dass Sie ungenügend sind.
Auch in einer schwierigen Partnerschaft müssen Sie die Verantwortung für die Affäre nicht übernehmen.
Warum ein Neuanfang manchmal besonders schwerfällt
In meiner Arbeit beobachte ich, dass die Hürde für einen Neuanfang bei wiederkehrender Bestätigungssuche besonders groß sein kann.
Wenn beide eine lange emotionale Distanz erkennen, entsteht manchmal Hoffnung durch konkrete gemeinsame Veränderungen. Wenn dagegen Liebe vorhanden war und es trotzdem zur Affäre kam, bleibt eine andere Frage: „Was schützt mich davor, dass es wieder passiert?“
Mehr gemeinsame Zeit oder bessere Kommunikation geben darauf allein noch keine ausreichende Antwort. Es braucht auch die Bereitschaft der untreuen Person, die eigenen Muster zu verstehen und ihr Verhalten zu verändern. Individuelle therapeutische Unterstützung kann dabei zusätzlich zur Paararbeit sinnvoll sein.
Ich verstehe das Zögern der verletzten Person deshalb nicht einfach als fehlende Bereitschaft. Es kann ausdrücken, dass Sicherheit noch nicht ausreichend spürbar ist. Diese Beobachtung aus meiner Praxis ist keine allgemeine Regel darüber, welche Paare leichter wieder zusammenfinden.
Eine Affäre kann traumatisch erlebt werden
Nach der Entdeckung einer Affäre können Schlafprobleme, aufdrängende Gedanken, starke Unruhe oder ein anhaltendes Gefühl von Unsicherheit auftreten. Nicht jeder Mensch erlebt das gleich, und daraus folgt nicht automatisch eine posttraumatische Belastungsstörung. Dennoch kann die Erfahrung tief erschütternd sein. [2]
Manchmal steht auch die eigene Wahrnehmung infrage: „Was war wahr? Was habe ich nicht bemerkt? Kann ich meinem Gefühl noch trauen?“
Deshalb braucht die Verletzung Raum. Die Erwartung, nach einer Entschuldigung wieder zur Normalität zurückzukehren, kann zusätzlichen Druck erzeugen. Vertrauen lässt sich nicht verlangen.
Warum Reue mehr braucht als eine Entschuldigung
Wenn ein Paar seine Beziehung fortsetzen möchte, halte ich es für wesentlich, dass die Person, die untreu war, Verantwortung übernimmt und den Schmerz des anderen ernst nimmt.
Reue zeigt sich auch darin, schwierige Fragen ehrlich zu beantworten, vereinbarte Grenzen einzuhalten und nicht zu erwarten, dass die verletzte Person den Prozess möglichst schnell abschließt. Aufrichtige Reue und Verlässlichkeit sind wichtige Grundlagen, aber keine Garantie für Versöhnung.
Hier fließen Gedanken der Gottman-Methode in meinen Blick ein: Die Verletzung anerkennen und Verantwortung übernehmen, emotionale Verbindung wieder entwickeln und Nähe auf einer verlässlicheren Grundlage aufbauen. Diese Orientierung ergänzt meine systemische Perspektive auf Beziehungsmuster und individuelle Lebensgeschichten. [3]
Ein Neuanfang braucht Veränderungen, durch die Vertrauen wieder begründbar wird.
Warum Schweigen die Verletzung nicht zuverlässig heilt
Manche Paare möchten nach einer Affäre möglichst schnell nach vorne schauen. Das ist verständlich: Die Gespräche können schmerzhaft und erschöpfend sein.
Wenn wichtige Fragen und Gefühle dauerhaft keinen Platz bekommen, können sie jedoch später wieder aufbrechen – etwa bei einem erneuten Rückzug oder einer Situation, die an die Affäre erinnert. Das geschieht nicht zwangsläufig, ist aber ein Risiko.
Aufarbeitung bedeutet dabei nicht, jederzeit jedes Detail besprechen zu müssen. Pausen, klare Absprachen und ein passender Rahmen können helfen, damit Gespräche möglich bleiben, ohne beide ständig zu überfordern.
Wie es nach einer Affäre weitergehen kann
Nicht jedes Paar entscheidet sich für eine gemeinsame Zukunft. Und niemand muss vergeben, um Unterstützung in Anspruch nehmen zu dürfen.
In meiner Arbeit möchte ich Raum schaffen, die Verletzung ernst zu nehmen und zugleich ihre Hintergründe zu verstehen. Dabei verbinde ich meine systemische Perspektive mit Impulsen aus der Gottman-Methode. Es geht darum, Klarheit zu gewinnen: Was braucht die verletzte Person? Welche Verantwortung übernimmt die andere? Und welche Veränderungen sind tatsächlich möglich?
Eine gemeinsame Zukunft kann entstehen. Ebenso kann eine Trennung die stimmige Entscheidung sein.
Wenn Sie nach einer Affäre Orientierung suchen, kann ein erstes Gespräch helfen, Ihre Situation einzuordnen und nächste Schritte zu klären.
Über die Autorin
Gözde Dundar hat einen Bachelorabschluss in Soziologie und Erziehungswissenschaft, eine Ausbildung in systemischer Einzel-, Paar- und Familientherapie sowie eine Fortbildung in der Gottman-Methode auf Stufe 2 mit Vertiefung zur Arbeit mit Affären.
Mehr über Gözde DundarQuellen und fachliche Einordnung
- Selterman, D., Garcia, J. R. & Tsapelas, I. (2019). Motivations for Extradyadic Infidelity Revisited. The Journal of Sex Research.Zur Studie
Die Untersuchung beschreibt verschiedene Motive und Zusammenhänge mit Bindungsunsicherheit. Sie belegt keine einfache Ursache-Wirkungs-Kette von früher Bindungsunsicherheit zu späterer Untreue.
- Roos, L. G., O’Connor, V., Canevello, A. & Bennett, J. M. (2019). Post-traumatic stress and psychological health following infidelity in unmarried young adults. Stress and Health.Zur Studie
Untersucht wurden 73 überwiegend junge, unverheiratete Erwachsene. Die Ergebnisse zu Belastungssymptomen lassen sich nicht pauschal auf alle Betroffenen übertragen.
- The Gottman Institute. Practical, Science-Based Steps to Heal from an Affair.Zum Fachbeitrag
Fachliche Darstellung des Ansatzes zur Affärenaufarbeitung; keine eigenständige Wirksamkeitsstudie.